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Inserateseite aus einer Zeitung in den 60ern.

Typografie: Grundkenntnisse

‹Eines der sprechendsten Ausdrucksmittel jeder Stilepoche ist die Schrift. Sie gibt, nächst der Architektur,
wohl das am meisten charakteristische Bild einer Zeit und das strengste Zeugnis für die geistige
Entwicklungsstufe eines Volkes.› Peter Behrens, ein einst berühmter Architekt, hat damit Recht,
wenns auch schreckliches Deutsch ist (sprechendst, am meisten charakteristisch!). Und nun
betrachte der Leser einmal den obigen Ausschnitt aus einer heutigen Zeitung. Ein
Zeugnis für die geistige Entwicklungsstufe eine Volkes, ein Spiegel der
Kultur? Man möchte sich fortwährend die Hände waschen.
(Jan Tschichold)

 

Dass Typografiekenntnisse für die Herstellung eines Buchs unerlässlich sind, liegt auf der Hand. Und dass eine der prägenden Figuren der Typografie im 20. Jahrhundert aus Leipzig – der Messestadt der Buchkunst – kommt und darüber hinaus einen Bezug zur Schweiz hat, liegt nahe. Jan Tschichold gestaltete mit seinem Talent in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts nicht nur die Neue Typografie der Bauhaus-Szene mit, sondern reflektierte im Schweizer Exil auch die Instrumentalisierung der neuen grafischen Gestaltungsmittel durch die nationalsozialistische Propaganda. Seit 1997 vergibt das Schweizer Bundesamt für Kultur den Jan Tschichold Preis.

Ebenso vertraut mit den avantgardistischen Strömungen wie verwurzelt in der Schrifttradition prägte Tschichold die typografische Entwicklung im 20. Jahrhundert mit dem Entwurf verschiedener Schriften (darunter: Transito, Saskia und Sabon) massgeblich mit. Nichts als logisch scheint es also, wenn ich mich mit einer rudimentären Einführung in die Typografie für den Kraken Verlag, der Zürich und Leipzig verbindet, an Tschicholds Typografie-Fibel orientiere.

Gebrochene und runde Schriften

Zunächst will ich festhalten: Obwohl es mittlerweile hunderte und tausende von Schriften gibt, die zusammen mit ihren Auszeichnungsschriften (kursiv, fett…) jeweils eine Familie bilden, gehören die meisten Schriften den zwei Hauptgruppen an. Die runden Schriften gehen auf die Renaissance zurück und heissen aufgrund ihrer Anlehnung an die römisch-lateinische Schriftkultur Antiqua. Die gebrochenen Schriften, dem gotischen Stil entsprungen, heissen Fraktur. Sie wurden von Mitte des 16. bis Anfang des 20. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum am häufigsten verwendet.

 

Vergleich gebochene und runde Schriften
Abb. 1: Gebrochene und runde Schrift.

 

Zur Gruppe der Antiqua-Schriften, die im Gegensatz zu den Fraktur-Schriften in viele Untergruppen zerfällt, gehören auch die Schriftarten Grotesk und Egyptienne. Sie zeichnen sich durch das Fehlen bzw. die Überbetonung der Endstriche (Serifen) aus. Überdies ahmen sie als Erfindungen der Zeit des industriellen Drucks nicht mehr – wie die Fraktur und die traditionelle Antiqua dies tun – die mittelalterlichen Handschriften nach, deren Charakteristik sich aus dem Schreiben mit Tinte und Feder ergab. Dementsprechend variieren die Grotesk und die Egyptienne die Strichdicke kaum.

 

Abb. 2: Grotesk und Egyptienne.

 

Schriften drücken mehr als Worte aus

Was bereits aus dieser Zusammenfassung deutlich wird: Schriften haben eine Geschichte und drücken mehr als nur Buchstaben aus. Dies lässt sich noch einmal besonders deutlich anhand der älteren und der jüngeren Antiqua illustrieren. Während die ältere Antiqua mit ihrer Flüchtigkeit den Humanismus der Renaissance verkörpern will, verleiht die jüngere Antiqua mit ihrer Strenge dem Rationalismus des 18. Jahrhunderts Ausdruck. Es verwundert also nicht, dass der industrielle Druck im Gegensatz zu den filigranen Schriften älterer Zeiten aufdringliche Schriften erfand. Und ebenso wenig verwundert, dass das Zeitalter der öffentlichen Werbung eine Vielzahl von Schriften hervorbrachte, die durch ihre Aussergewöhnlichkeit die Aufmerksamkeit fesseln wollen.

 

Vergleich ältere und jüngere Antiqua aus Jan Tschichold Erfreuliche »Drucksachen durch gute Typographie«
Abb. 3: Ältere und jüngere Antiqua.

 

Diese Situation verringert die Herausforderung bei der Gestaltung von Büchern nicht gerade. Die Vielzahl der Schriften macht die Wahl zur Qual. Wie erzeuge ich einem bestimmten Text entsprechend einen gediegenen Eindruck? Oder ist umgekehrt gerade wilde Experimentierfreudigkeit einem Text angemessen? Steht die Lesbarkeit wirklich an erster Stelle oder dürfen Texte aufgrund von typografischen Eigenheiten auf Kosten der Lesbarkeit provozieren?

 

Abb. 4: Unterschiedlicher Umgang mit Schriften.
links: Die Orientierungslosigkeit im Meer der Zeitschrift delirium nehmen sowohl die Textanordnung als auch die Vielfalt unkonventioneller Schriften auf.
rechts: Konzipiert von Fabian Schwitter und von Franziska Reichert aus der Frutiger gesetzt entspricht die Klarheit und Standfestigkeit der serifenlosen Schrift der geometrischen Textanordnung.

Beim Kraken Verlag wollen wir das Büchermachen umfassend betrachten und die Gestaltung als gleichwertigen Bestandteil neben dem Schreiben der Texte begreifen. Ein Verständnis der Texte ist für die technische Produktion von Büchern – wie Satz und Druck – ebenso unerlässlich wie typografische und gestalterische Kenntnisse für das Verfassen von Texten.
 

Quellenangaben

Literatur: Jan Tschichold, Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie, Maro Verlag 2001.
Titelbild: Inserateseite aus einer Zeitung in den 60ern (Jan Tschichold, Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie, Maro Verlag 2001).
Abbildung 1: Gebrochene und runde Schrift (Jan Tschichold, Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie, Maro Verlag 2001).
Abbildung 2: Grotesk und Egyptienne (Jan Tschichold, Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie, Maro Verlag 2001).
Abbildung 3: Ältere und jüngere Antiqua (Jan Tschichold, Erfreuliche Drucksachen durch gute Typographie, Maro Verlag 2001).
Abbildung 4: Unterschiedlicher Umgang mit Schriften (links: Fabian Schwitter, Vorlage zum Gedicht «Kapitulation», delirium N°10; rechts: Fabian Schwitter, nicht ganz hundert / fünfzeiler)


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