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Carl Spitzweg: Der arme Poet.

Schreiben: im Kollektiv statt allein?

Viele Menschen schreiben. Der Kraken Verlag will die Schwarmintelligenz des digitalen Zeitalters auf das Büchermachen anwenden. Die Kollaboration vieler Menschen in einem Kollektiv schafft bessere Bücher. Wer ist dabei, diese Hypothese zu testen? Tentakelt!

Schreiben – ob wissenschaftlich, journalistisch oder literarisch – ist nicht einfach schreiben. Dennoch ist allen gemeinsam: Schreiben geschieht individuell, nicht kollektiv. Namen, und das Autorenkollektiv Wu Ming spielt damit, oberhalb oder unterhalb des Texts kennzeichnen üblicherweise Autorschaft. Die Zahl dieser Namen gibt Auskunft über die Zahl der Menschen, die ein Urheberrecht geltend machen und den Text als geistiges Eigentum betrachten können.

Kollektives Schreiben in Wissenschaft und Journalismus?

Wenn wissenschaftliche Artikel erscheinen, so steht meist nur ein Name darunter. Mögen viele Menschen in einem ganzen «Experimentalsystem» (H.-J. Rheinberger) zusammenarbeiten und Daten erzeugen: Wissenschaftliche Artikel bleiben individuell. Kollektive Dissertationen oder gar Habilitationen sind selten. Leistung soll individuell überprüfbar sein. Und Prestige auch.

Nicht anders im traditionellen Journalismus. Meist steht über einem Artikel in Tageszeitungen ein Name, selten zwei – kaum je mehrere. Trotz Investigationsteams und Journalist:innen-Kollektiven überwiegen in der Medienlandschaft die Klagen über mangelnde Ressourcen. Statt zu recherchieren einfach Geschichten wiederzuverwerten, spart Ressourcen, weil auch einzelne Journalist:innen allein das leisten können.

Abb. 1: Kein Bild vom kollektiven Schreiben bei Google? Dann halt nochmal einen Kraken…

Kollektives Schreiben in der Literatur?

Am beharrlichsten hält sich das Klischee einsamer Autor:innen in der Literatur. Kreativität sitzt in begabten Köpfen. Diese begabten Köpfe zusammenzustecken und in den Dienst eines Texts zu stellen, scheint fragwürdig. Denn, so das Klischee weiter, Literatur sei die äussere Manifestation eines inneren Geschehens. Die Google-Bildersuche beispielsweise für «kollektiv schreiben», «zusammen schreiben» und «gemeinsam schreiben» zeigt auch im Zeitalter der Netzwerkkultur des world wide web lauter Bücher und Blätter an – nur keine Menschen, die (gemeinsam) schreiben.

A propos www: Software ist urheberrechtlich geschützt. Aber sie entsteht als opensource ebenso in kollaborativen Netzwerken wie Fan-Fiction. Der (kommerzielle) Erfolg von Fifty Shades aber bleibt, obwohl im Fan-Fiction-Milieu gewachsen, an die Autorin E. L. James gebunden. Literatur müsse halt, so die Vorstellung, von einer Person geschrieben werden – selbst wenn sie im schlechtesten Fall aus dem Internet zusammenkopiert ist.

Diese Vorstellung wollen wir im Kraken Verlag auf die Probe stellen. Wie Kraken, deren Arme teilweise unabhängig vom Gehirn sind (rund zwei Drittel der Neuronen befinden sich in den Tentakeln), stellen wir uns das Büchermachen zwar räumlich konzentriert (wir arbeiten für die Zeit von ein bis zwei Wochen alle am selben Ort), aber im Geist dezentral (wir schreiben alle am selben Text) vor. Was wir schreiben, stellen wir beim Kraken Verlag weniger ins Zentrum, als wie wir schreiben: kollektiv.
 

Quellenangaben
Titelbild: Carl Spitzweg: Der arme Poet (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=159093).
Abbildung 1: Kein Bild vom kollektiven Schreiben bei Google? Dann halt nochmal einen Kraken… (Erik Tanghe, https://pixabay.com/de/photos/krake-sea-life-unterwasser-ozean-3232758/).

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