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Beim Schreiben tippen wir einzelne Buchstaben, die wir beim Lesen als Einheit aufnehmen.

Leseverhalten und Buchgestaltung

Lesen ist uns so selbstverständlich geworden, dass wir kaum einen Gedanken darauf verschwenden, wie wir das tatsächlich machen. Beinahe automatisch nehmen wir Buchstaben auf, setzen sie zu Worten, Sätze und ganzen Texten zusammen und entschlüsseln die Bedeutung. Dennoch hat die Gestaltung eines Textes einen wesentlich Einfluss auf die Annehmlichkeit des Lesens.

Was lesen wir?

Abb. 1: Die allmähliche Beschleunigung des Leseprozesses durch Übung
Abb. 1: Die allmähliche Beschleunigung des Leseprozesses durch Übung.

ABC-Schütz:innen, die in der ersten Klasse das Alphabet lernen, buchstabieren noch weitgehend. Das heisst: Sie setzen Worte aus einzelnen Buchstaben zusammen. Das Lesen geschieht nicht flüssig. Sofern sie laut vorlesen, ist das gut hörbar. Offensichtlich ist sofort, dass das Lesen und das Entschlüsseln zwei voneinander getrennte Vorgänge sind. Erst kommt das Lesen des Worts, das Buchstabe für Buchstabe zusammengesetzt wird, dann erfolgt die Entschlüsselung des Sinns.

Bei zunehmender Übung gehen diese beiden Vorgänge fliessend ineinander über. Das Lesen wird zu einem Prozess, bei dem diese beiden Phasen – zumindest was kleinere Texteinheiten betrifft – kaum mehr voneinander zu unterscheiden sind. Sobald wir ein Wort sehen, haben wir es auch schon gelesen und verstanden. Mit der Zeit entwickelt sich die Lesefähigkeit soweit, dass wir auch keine einzelnen Worte mehr wahrnehmen, sondern ganze Satzteile auf einmal aufzunehmen beginnen.

Wie gestalten wir Texte?

Damit der Lesevorgang nicht gestört wird, muss die Textgestaltung sich an diese Gegebenheiten anpassen. Wichtige Parameter für die Textgestaltung sind dabei die Buchstabengrösse (Schriftgrad), der Buchstaben- und Wortabstand (Laufweite) sowie der Zeilenabstand bzw. Zeilendurchschuss.

Ist die Laufweite zu breit, so verlieren sich die Buchstaben und lassen sich nur mühsam zu einem Wort zsuammensetzen. Ist die Laufweite zu schmal, so geraten die Buchstaben ineinander und lassen sich nur schlecht unterscheiden. Analog gilt das natürlich auch für Zeilenabstand und -durchschuss. Die Schriftgrösse wiederum beeinflusst den Leseprozess auf ähnlich Weise. Zu kleine Buchstaben lassen sich kaum erkennen, zu grosse Buchstaben tendieren zu Vereinzelung.

Unterschiedliche Laufweiten zur Veranschaulichung
Abb.2: Unterschiedliche Laufweiten zur Veranschaulichung.

 

Ausnahmen

Diese Parameter geben eine rudimentäre Orientierung bei der Gestaltung von Texten. Und da im Normalfall der Lesefluss nicht gestört werden will, ist es sinnvoll, diesen Parametern entsprechende Beachtung zu schenken. Selbstverständlich gibt es aber auch Texte, deren primärer Sinn nicht in ihrer unmittelbaren Lesbarkeit liegt. Dazu gehören etwa experimentelle Gedichte, wie diejenigen des italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti, oder kalligrafische Kunstwerke.
 

Quellenangaben

Literatur:
Hubert Blana, Die Herstellung – Ein Handbuch für die Gestaltung, Technik und Kalkulation von Buch, Zeitschrift und Zeitung, K. G. Saur 1993.
Titelbild:
Beim Schreiben tippen wir einzelne Buchstaben, die wir beim Lesen als Einheit aufnehmen (Simon, https://pixabay.com/de/photos/tastatur-computer-tasten-wei%c3%9f-886462/).
Abbildung 1: Die allmähliche Beschleunigung des Leseprozesses durch Übung (Hubert Blana, Die Herstellung – Ein Handbuch für die Gestaltung, Technik und Kalkulation von Buch, Zeitschrift und Zeitung, K. G. Saur 1993).
Abbildung 2: Unterschiedliche Laufweiten zur Veranschaulichung (Fabian Schwitter).

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