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Octopolis: An Peter Godfrey-Smiths liebstem Tauchort vor der Küste Sydneys leben Kraken ungewöhnlich gesellig zusammen.

Krakenkultur: «Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins» von Peter Godfrey-Smith

Wenn wir mit den Kopffüßern als fühlenden Wesen Kontakt aufnehmen können,
dann nicht aufgrund einer gemeinsamen Geschichte oder eines Verwandtschaftsverhältnisses,
sondern weil die Evolution den Geist zweimal erfunden hat. Wahrscheinlich werden wir der
Erfahrung, einem intelligenten Alien zu begegnen, nie näher kommen.
(Peter Godfrey-Smith)

 

Cover von «Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins», Peter Godfrey-Smith
Cover von «Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins», Peter Godfrey-Smith.

Kraken sind in ihrer verspielten Feinfühligkeit faszinierende Geschöpfe. Nicht verwunderlich, dass sich Menschen mit ihrer weitreichenden Fantasie trotz ihrer Fremdartigkeit in Kraken verlieben. Peter Godfrey-Smiths Buch «Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins» (Matthes & Seitz, 2019) ist eine Liebeserklärung an die Kraken und das Meer. Der australische Wissenschaftsphilosoph, der auch in den USA (Harvard, Stanford) gelehrt hat, beschreibt nicht nur die naturwissenschaftliche Forschung über Kraken und die Entstehung des Bewusstseins, sondern vor allem auch wie Craig Foster seine eigenen Tauchgänge und Begegnungen mit Kraken.

Die Bildung von Nervensystemen

Godfrey-Smiths Buch ist für einen akademischen Philosophen aussergewöhnlich. Ohne detaillierte Referenzen baut er aus philosophischen Ansätzen, ethologischen Forschungen und evolutionstheoretischen Erklärungen eine Geschichte des Bewusstseins vermischt mit Anekdoten und eigenen Erlebnissen. Entgegen herkömmlichen Narrativen, die eine recht lineare Entwicklung hin zu mehr Komplexität mit dem Menschen an der Spitze zeichnen, hebt Godfrey-Smith zwei parallele Experimente der Natur mit komplexen Nervensystemen und Bewusstsein voneinander ab.

 Das Cover der englischen Ausgabe_ Dieser Krake ist uns lustigerweise schon einmal begegnet
Das Cover der englischen Ausgabe – Dieser Krake ist uns lustigerweise schon einmal begegnet.

Ohne Überfrachtung mit technischem Ballast zeichnet er die Entstehung der Nervenzellen aus der Interaktion zwischen Zellen und ihrer Umgebung sowie zwischen Zellen untereinander nach. Die einzelgängerischen Kopffüsser (zu ihnen gehören Kraken, Sepien und Kalmare) entwickelten ihr komplexes Nervensystem (im Gegensatz zu den Säugetieren) weniger in der Interaktion mit Artgenoss*innen, als vielmehr in der Auseinandersetzung mit Feind*innen. Allerdings bildeten die Kopffüsser ein weniger zentralisiertes Nervensystem als Säugetiere aus. Nur etwa ein Drittel ihrer Neuronen konzentriert sich im Gehirn. Der weitaus grössere Teil steuert ein teilautonomes Verhalten der Haut, der Arme und Tentakel.

Kraken und das Meer

Ursprünglich geschützt durch eine Schale legten die Kopffüsser diesen Schutz zugunsten  grösserer Flexibilität ab. Diese Flexibilität, ebenso dienlich bei der Jagd wie bei der Flucht, kann ihren Zweck in einer gefährlichen Umgebung aber nur dank eines leistungsfähigen Nervensystems erfüllen, das eine effiziente und präzise Verarbeitung der Informationen über die Umwelt garantiert. So entwickelten die Kopffüsser in ganz anderer Umgebung und unter ganz anderen Bedingungen als die Säugetiere ein Bewusstsein, Intelligenz und charakterliche Individualität.

Kaum eingeschränkt durch ihren Körper zeichnen sich die Kraken durch eine starke Integration von Körper und Nerven aus, weil keine harten Teile (wie Gelenke) die Bewegungsmöglichkeiten vorgeben. Ein zentrales Gehirn, wie bei Säugetieren, könnte die ungeheure Bewegungsvielfalt dieses flexiblen Körpers wahrscheinlich nicht steuern. Bewusstsein, so die faszinierende Einsicht, braucht also nicht allein durch ein zentralisiertes Nervensystem zustande zu kommen, sondern es kann sich auch – und das macht Kraken für uns in gewisser Weise tatsächlich zu Aliens – in einem weit flacheren Zusammenspiel von Körper und Nerven in einem verteilten Nervensystem bilden.

Godfrey-Smiths Buch zusammengefasst von ihm selbst – mit dem wissenschaftlich-technoiden Optimismus Kaliforniens

Leider gipfelt Godfrey-Smiths erhellende Auseinandersetzung mit den Kopffüssern in einem allzu platten Appell zum Schutz der Meere. Anstelle dieses Appells hätte etwas mehr philosophische Reflexion des menschlichen Sozialverhaltens und der menschlichen Sozialorganisation vor dem Hintergrund der dezentralen Körpern-Nerven-Organisation der Kopffüsser dem Ziel des Umweltschutzes vielleicht eher gedient.
 

Quellenangaben

Literatur: Peter Godfrey-Smith, Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins, Matthes & Seitz 2019.
Titelbild: Octopolis: An Peter Godfrey-Smiths liebstem Tauchort vor der Küste Sydneys leben Kraken ungewöhnlich gesellig zusammen (Peter Godfrey-Smith, Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins, Matthes & Seitz 2019).
Abbildung 1: Cover von «Der Krake, das Meer und die tiefen Ursprünge des Bewusstseins», Peter Godfrey-Smith (https://www.matthes-seitz-berlin.de/buch/der-krake-das-meer-und-die-tiefen-urspruenge-des-bewusstseins.html).
Abbildung 2: Das Cover der englischen Ausgabe: Dieser Krake ist uns lustigerweise schon einmal begegnet (https://us.macmillan.com/books/9780374537197).


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