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Reflexionen über Gruppenkonstellationen. Monika Rinck: «Ah, das Love-Ding!».

Kollektivliteratur: «Ah, das Love-Ding!» von Monika Rinck

Das Kollektiv bahnt sich schon seit einiger Zeit seinen Weg in die Literatur, auch wenn es zunächst zaghaft auftritt und sich eher theoretisch als praktisch äussert. Zum Beispiel bei Monika Rinck, die gerade den Berliner Literaturpreis 2021 gewonnen hat. Zwar mögen mittlerweile spärlich praktische Erfahrungen aus dem Kollektivprojekt «Helm aus Phlox» (Merve, 2011) vorhanden sein, aber der Essay «Ah, das Love-Ding!» (kookbooks, 2006), den Monika Rinck allein verfasst hat, gehört noch in die Zeit vor «Helm aus Phlox». Also fange ich damit an.

Gruppendynamik

Für einen Verlag, der sich kollektive Bücher auf die Fahnen geschrieben hat, beginnt der Essay vielversprechend: mit einem Kapitel über «Arbeit in Gruppen». Und ein buntes Durcheinander von Figuren und Sprechinstanzen meldet sich. Das Thema ist gesetzt. Eine Herausforderung kommt allerdings schon früh zum Ausdruck:

Abb. 1: Cover von «Ah, das Love-Ding!», Monika Rinck.

Wer hält uns denn im Plural – wer hält uns? Wer nimmt das auf sich? Wir. Wir nehmen das auf uns. Da fragt Veronika: Was soll das sein, Grammatik?

Ein Wir allein muss keine Gruppe sein. Das ist klar. Denn zu einer Gruppe gehört, dass es etwas Gemeinsames gibt. Eine Kultur (in der flächigsten Verwendung des Begriffs) oder, sagen wir: ein Anliegen, eine Glückserwartung. […] Orte sind wichtig. Die Gruppe ist daran gewöhnt, sich von Zeit zu Zeit an einem bestimmten Ort einzufinden und sich zu verhalten. Wir zählen also körperliche Präsenz hinzu. Das ist eben so ein Love-Ding, und Gruppen ohne Körper seien bestenfalls Netzwerke, sagt Veronika. (S. 9)

Vorbereitung, Vorbereitung, Vorbereitung

Schon kurz darauf droht die Kiste auseinanderzufliegen. Statt dass die Gruppe etwas fertigbrächte, könnte sie selbst fertig sein:

Wenn aber statt des Produkts das Ensemble am Ende ist, wenn es ungesprächig und störrisch wird, trifft das Verschwinden mit einer solchen Wucht auf den im Rückbau begriffenen Spielraum, dass die ganze Person und ihr Kontext gleichsam lahmgelegt sind – höchst effizient, wenn man es waffentechnisch betrachtet. (S. 21)

Die waffentechnische Dimension einmal dahingestellt nehmen wir uns stattdessen Veronikas Einwand zu Herzen. Gerade, wenn draussen noch Corona herumfliegt, ist Gruppenbildung ohnehin problematisch. Fangen wir also erst einmal damit an, ein Netzwerk aufzubauen. Räumen wir der Vorbereitung ihr Recht ein, damit aus dem Kraken Verlag etwas werden kann:

Ja, die Vorbereitung wird generell vernachlässigt, aber das sage ich ja schon seit Jahren: Wie geht vorbereiten, und eigentlich geht das gar nicht. Aber was, wenn es doch ginge? Wenn es die ganze Zeit nur an der Vorbereitung gemangelt hätte? Na, wie denn, wo doch das Leben in jedem Augenblick das Ganze ist? (S. 185)

Lesen wir Monika Rincks Essay, tentakeln und dann, ja dann, wenn die Umstände stimmen, bildet sich hoffentlich mehr als eine Gruppe: Gruppen, die Rincks Reflexionen einem Praxistest unterziehen. Gruppen, ja Gruppen, damit wir selbst über Gruppen im Plural sprechen können. Das wäre ein Ding.
 

Quellenangaben

Literatur: Monika Rinck, Ah, das Love-Ding! (Lizenzausgabe), Fischer Taschenbuch Verlag 2017.
Titelbild: Reflexionen über Gruppenkonstellationen. Monika Rinck: «Ah, das Love-Ding!». (Fabian Schwitter).
Abbildung 1: Cover von «Ah, das Love-Ding!», Monika Rinck (https://alltag-im-mittelalter.ideenset.ch/imagemap_area/skriptorium/).


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