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Häuser mit ihren Räumen: manche gemeinschaftlich geteilt, manche nicht.

Häuserbesetzung und Schriftsteller:innenvernetzung: Die Vorgeschichte (Teil I)

Also kam ich nach einem Monat in Zürich zurück nach Leipzig. Und das Haus mit seinen vielen Menschen, in dem ich wohne, schien im Chaos zu versinken. Die Strukturen, die wir gemeinsam aufgebaut hatten, bröckelten plötzlich. Kein Gemeinschaftstreffen hatte mehr stattgefunden, der Kühlschrank war leer, das Gas zum Kochen fehlte und als hätte es noch ein Symbol für den Zustand gebraucht, war der Boiler im einen Bad kaputt. Die Rückkehr war eine kalte Dusche im wahrsten Sinn des Wortes…

Wie hatte ich doch in Zürich so vielen Menschen von den Vorzügen kollektiven Wohnens erzählt. Davon, dass ich diese Wohnform mit ihren von rund 15 Menschen geteilten Gemeinschatsräumen auf keinen Fall wieder gegen eine Kleinwohnung eintauschen wollen würde. Davon, dass Haushaltskonflikte, die Paarbeziehungen so oft zermürben, sich einfach in der grösseren Gruppe auflösen. Davon, dass der eingeschränkte Privatraum so viel mehr Gemeinschaftsraum schafft: eine Grossküche, ein Wohnzimmer, eine Werkstatt, ein Musikzimmer… Wie anders sah die Realität nun nach meiner Rückkehr aus.

Leben in einem Haus mit Entfaltungsmöglichkeiten statt im piekfeinen Neubau
Abb. 1: Leben in einem Haus mit Entfaltungs-möglichkeiten statt im piekfeinen Neubau.

Lieber ein langes Filmwochenende allein als sozialer Ärger

Und doch schien es ein Wink des Schicksals zu sein, das jene Zufälle zusammenführt, die eine desolate Situation plötzlich in Inspiration und Begeisterung verkehren. Beim Einräumen von Büchern, die ich aus Zürich mitgebracht hatte, kam mir ein Film wieder in die Finger: «Allein machen sie dich ein» (Mischa Brutschin, 2010). Immer wieder hatte ich erfolglos versucht, diese achtstündige Dokumentation über die Häuserbewegung in Zürich am Stück zu schauen. Meist war ich nicht über die ersten drei Teile hinausgekommen.

Aber jetzt war die Gelegenheit gekommen, mir die Zustände im Haus egal sein zu lassen und mich einen ausgedehnten Abend lang zurückzuziehen. Ich muss nicht alles zu meiner Aufgabe machen und Rückzug ist manchmal angemessener als überstürzter Aktionismus, auch wenn ich natürlich dafür besorgt war, das nächste Gemeinschaftstreffen anzuberaumen. Der ausgedehnte Abend erstreckte sich rasch auf einen weiteren Abend. Am Ende des Wochenendes konnte ich jedoch mit Freude feststellen. Ich hatte den ganzen Film geschaut.

Inspiration aus dem Nichts

Nicht nur hatte er mir gezeigt, dass, immer wieder von Neuem anzufangen, zu experimentellen Lebensformen dazugehört. Die Koordination von Gruppen, die sich als gleichberechtigt verstehen, ist eine endlose Aufgabe, die kaum mit Kategorien wie Fortschritt zu beschreiben ist. Er hatte mir auch aufgezeigt, dass die Hoffnung, das Schreiben literarischer Texte kollektiv anzugehen, nicht verfehlt ist, auch wenn der Weg dahin noch ein langer sein wird.
 

Quellenangaben

Titelbild:
Häuser mit ihren Räumen: manche gemeinschaftlich geteilt, manche nicht (Zeichnung: Luisa Formanski).
Abbildung 1: Leben in einem Haus mit Entfaltungsmöglichkeiten statt im piekfeinen Neubau (Fotografie: Fabian Schwitter).

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