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Tentakel, das Bild für Vernetzung des Kraken Verlags.

Häuserbesetzung und Schriftsteller:innenvernetzung: Der Kraken Verlag (Teil III)

Wie die Besetzer:innen ein ums andere Mal neu anfangen mussten, weil sie aus ihren Häusern vertrieben wurden oder weil zermürbende Selbstorganisation immer wieder in Sackgassen führte, fange auch ich in Leipzig neu an. Zwar bietet Leipzig mir, als Schrifsteller in seinen Anfängen, günstige Wohnräume, wie sie in Zürich nicht mehr zu finden sind, doch fehlt mir der soziale Raum. Weg ist das alte, über Jahre aufgebaute Netzwerk von schreibenden Menschen…

Hoffnungen und Träume

Bestseller im Kollektiv? Noch werden Bestseller meist von Einzelnen geschrieben.
Abb. 1: Bestseller im Kollektiv? Noch werden Bestseller meist von Einzelnen geschrieben.

Der Kraken Verlag ist der Wunsch nach einem Neuanfang mit denselben Hoffnungen und Träumen auf eine andere Lebensform. Eine Lebens- und Arbeitsform, die Selbstverwirklichung weniger als egoistisches Verfolgen der eigenen Vorstellungen begreift, sondern vielmehr als Kooperation. Von Anfang an ist das Projekt Kraken Verlag geprägt von einem Netzwerkgedanken.

Mit diesem Netzwerkgedanken erstreckt sich die Hoffnung über mein eigenes Leben hinaus. Ist Literatur als kollektives Unterfangen denkbar? Und wie lassen sich solche Vorstellungen tatsächlich umsetzen? Noch sind das bloss Fragen und der Weg zu einer kollektiven Praxis erscheint weit. Das ambitionierte Projekt des Kraken Verlags, mit einer Gruppe von Menschen in kurzer Zeit ein Buch nicht nur zu schreiben, sondern auch herauszubringen, steckt erst einmal fest.

Zwar erhalten wir immer wieder Zuspruch. Aber so richtig angekommen ist die Idee, in Gruppen zu schreiben, trotzdem nicht. Zu unverständlich mag sie erscheinen. Zu sehr stehen eigene Publikationswünsche im Vordergrund. Zu voraussetzungsreich bleibt das Unterfangen. Bislang hat sich noch niemand dem Kraken Verlag dauerhaft angeschlossen, obwohl wir nichts dringend nötiger hätten als weitere Menschen die mitarbeiten.

Zweifel bleiben

Kommen wir auch nur langsam voran, bleiben Zweifel an den bestehenden Strukturen hartnäckig. So macht zum Beispiel der Other-Writers-Blog darauf aufmerksam, dass Aufenthaltsstipendien für einzelne Menschen ausgelegt sind. Schrifsteller:innen mit Kindern finden da meist keinen Platz. Und erst recht keine grösseren Gruppen.

Der Blog Other Writers Need to Concentrate
Abb. 2: Der Blog Other Writers Need to Concentrate macht darauf aufmerksam, dass der Literaturbetrieb auf Einzelpersonen ausgerichtet ist.

 

Überhaupt dominiert ein ständiger Konkurrenzkampf das Schreiben. Die Vermarktungsmaschinerie ringt mit Bestsellern um Marktanteile, sodass kleinere Titel kaum mehr den Weg in Buchhandlungen finden. Viele Schriftsteller:innen sind daher auf Stipendien angewiesen. Auch da regiert jedoch ein Winner-Takes-It-All-Prinzip. Einer Jury ausgeliefert erscheinen die Schriftsteller:innen als einzelne Menschen, die um Aufmerksamkeit und Geld kämpfen.

Der Jagd um Absatz und auf Stipendien liesse sich wahrscheinlich nur – und diese Pointe war absehbar – mit einer breiten Vernetzung entgehen. Wäre es vorstellbar, dass Menschen selbst über die Verteilung von Ressourcen bestimmen? Was bräuchten wir, um gerade in einem egomanen Geschäft wie der Literatur entsprechende Fähigkeiten zu lernen? Die Häuserbewegung hätte uns darüber wohl viel zu erzählen…
 

Quellenangaben
Titelbild: Tentakel, das Bild für Vernetzung des Kraken Verlags (Clker-Free-Vector-Images, https://pixabay.com/vectors/octopus-sea-animal-underwater-312381/).
Abbildung 1: Bestseller im Kollektiv? Noch werden Bestseller meist von Einzelnen geschrieben. (Ahmad Ardity, https://pixabay.com/photos/books-book-fair-fair-book-sale-5053740/).
Abbildung 2: Der Blog Other Writers Need to Concentrate (Fabian Schwitter, Screenshot).

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