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Mischa Brutschin, der die Dokumentation zusammengestellt hat, in einem der besetzten Häuser damals.

Häuserbesetzung und Schriftsteller:innenvernetzung: Der Film (Teil II)

Der Zufall hatte regiert, als ich auf die Idee kam, endlich den Film «Allein machen sie dich ein» an einem Stück zu schauen. Und gleichermassen regierte der Zufall, als ich begann, Zusammenhänge herzustellen. Wahrscheinlich hat Schreiben insgesamt viel damit zu tun, diesen Zufällen gegenüber offen zu sein und Verbindungen zu ziehen. Für mich zumindest trifft das zu.

Der Film «Allein machen sie dich ein»
Abb. 1: Der Film «Allein machen sie dich ein».

Was bedeutet besetzen?

Aufgewachsen war ich mit einer ordentlichen Portion Skepsis gegenüber besetzerischen Aktivitäten. Ein obrigkeitlicher Gehorsam und ein bürgerlicher Ordnungssinn liessen die Bestzer:innen in meinen Augen wie Parasiten erscheinen. Mittlerweile verstehe ich, dass in einer Welt, die vollständig in Besitz genommen ist, das Besetzen von ungenutzen Räumen nicht selten die einzige Möglichkeit ist, Freiräume jenseits einer kommerziellen Logik zu schaffen.

Der Film – eine Besprechung gibt es in der Wochenzeitung – zeigte mir, dass ein wesentliches Motiv des Besetzens darin liegt, in einer Welt von Kleinfamilienwohnungen und Einfamilienhäusern gemeinschaftliche Wohnformen ermöglichen zu können. Mit Staunen, Begeisterung und Melancholie verfolgte ich die Geschichte: von der Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum bereits in den Fünfzigern bis zur Grossbesetzung des Wohlgroth-Areals, eines ungenutzen Fabrikgeländes mit mehreren Gebäuden in der Nähe des Hauptbahnhofs, in den Neunzigern.

So aussichtslos wie eine stabile Integration der seit den Sechzigern wachsenden Drogenszene in die Besetzungen, so aussichtslos, aber auch unverzichtbar war der Kampf gegen die Kommerzialisierung der Innenstädte und für einen urbanen Lebensraum, in dem viele verschiedene Lebensentwürfe Platz finden, gewesen. Heute lebe ich in Leipzig und kann selbst mitverfolgen, wie die Gentrifizierung und Kommerzialisierung die Stadt wie vor fünfzig Jahren Zürich mehr und mehr verschlingt.

Bewegende Momente

Natürlich bewegten mich einzelne Momente im Film besonders. Wie jener, als die Besetzer:innen einmal mehr vor der Vertreibung standen. Nach einer langen Nacht der Debatten drohte die Situation doch im Chaos zu versinken. Eine gewaltbereite Minderheit von Männern wollte entgegen den Abmachungen doch den Kampf mit der Poliziei suchen. Alles endete im Fiasko und das Fazit des Erzählers: Einmal mehr haben die Männer nur sich selbst gesehen, anstatt den Frauen zuzuhören.

Oder jener, als den verschiedenen Häusern bewusst wurde, dass Vernetzung unabdingbar ist. So schlossen sich Häuser zusammen. Das führte nicht nur zu mehr Sichtbarkeit an Demonstrationen, sondern auch zu mehr Raum, der den Bedürfnissen entsprechend unter den Menschen verteilt werden konnte. Ein Netz zwischen Häusern, die über die ganze Stadt verteilt waren, entstand.

Der Abspann mit dem Namen der Montagebegleiterin
Abb. 2: Der Abspann mit dem Namen der Montagebegleiterin.

 

Entscheidende Koinzidenz

Wäre diese Vernetzungsgedanke allein schon Grund genug, eine Verbindung zwischen dem Kraken Verlag und der Besetzer:innen-Szene zu ziehen, so reichte das tatsächlich nicht. Erst als ich den Abspann einmal etwas genauer verfolgte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Die Montagebegleiterin hiess Mirjam Krakenberger. Wie der Berg zum Kraken kommt, wird mir zwar ein Rätsel bleiben. Nur zu deutlich zeigte mir dieser Name aber, worum es mir mit dem Schauen dieses Films just zu diesem Zeitpunkt gehen könnte.
 

Quellenangaben
Film: Misch Brutschin, Allein machen sie dich ein.
Titelbild: Mischa Brutschin, der die Dokumentation zusammengestellt hat, in einem der besetzten Häuser damals (Standbild, «Allein machen sie dich ein», Mischa Brutschin).
Abbildung 1: Der Film «Allein machen sie dich ein» (Fotografie, Fabian Schwitter).
Abbildung 2: Der Abspann mit dem Namen der Montagebegleiterin (Standbild, «Allein machen sie dich ein», Mischa Brutschin).

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