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Brief Margherita Datinis an ihren Ehemann, den Kaufmann Francesco Datini (14. Jh.).

Geschichte des Schreibens: Spätmittelalter – Selbst schreiben

Hand- und Kopfarbeit verschmelzen
in einem einzigen Arbeitsgang.
(Otto Ludwig)

 

Im Spätmittelalter kamen die optischen Anlagen des Schreibens, die sich im Frühmittelalter herausgebildet hatten, zur vollen Entfaltung. Die aufkommende textuelle Konzeption des Schreibens orientierte sich nicht mehr an der Rede, sondern stellte sich den geschriebenen Text architektonisch vor. Gleichzeitig verloren die im kirchlichen Kontext hergestellten Bücher, auch wenn Bücher nach wie vor selten waren, allmählich ihren Raritätenstatus. Das Schreiben als Praxis umfasste zusehends breitere Bevölkerungsschichten.

Verweltlichung des Schreibens

Die zunehmende Komplexität der spätmittelalterlichen Gesellschaft (Fernhandel, Bürokratie, Bildung) erforderte eine Ausweitung der Schreibpraxis. Ähnlich wie zur Zeit der Erfindung der Schrift vermochten das gesprochene Wort und das Gedächtnis die anfallenden Informationen nicht mehr zu verarbeiten. Die Schrift als Hilfsmittel wurde in Buchhaltung, Verwaltung und Lehre unerlässlich. Zum Beispiel ersetzte in juristischen Belangen die gesiegelte Urkunde das gegebene Wort.

In seinem Mathemtiklehrbruch von 1494 beschreibt der Moench Luca Pacioli erstmals die doppelte Buchfuehrung die schon seit rund 200 Jahren in Verwendung ist scaled
Abb. 1: In seinem Mathemtiklehrbruch von 1494 beschreibt der Mönch Luca Pacioli erstmals die doppelte Buchfuehrung die schon seit rund 200 Jahren in Verwendung ist.

Sowohl aus der Zunahme an kommerziellen (Buchhaltung, Handelskorrespondenz) als auch aus der Zunahme an bürokratischen Schreibaufgaben (Urkunden, Register) entwickelte sich eine (private) Schreibtätigkeit vor allem in Form von Briefen. Diese Schreibpraxis koppelte sich von von traditionellen, noch an der antiken Rhetorik orientierten Schreibpraxis ab. Sie wurde, neben Rechnen, immer häufiger an Schulen in den Städten unterrichtet, die nicht von der Kirche, sondern vom städtischen Adel und dem Bürgertum getragen wurden.

Mündliche Unterweisung, schriftliche Publikation

Auch im kirchlichen Bildungsbereich veränderte sich die Schreibpraxis stark. Einerseits führte das scholastisch-universitäre Interesse an breiterer und von religiösen Belangen unabhängiger Bildung zu komplexeren Argumentationszusammenhängen und Bildungsinhalten. Der Nachvollzug mündlicher Unterweisungen anhand von schriftlichen Aufzeichnungen erwies sich als unerlässlich. Andererseits entwickelten traditionelle Schreibpraktiken und Textformen eine Eigendynamik, die sie von der frühmittelalterlichen Praxis des meditativen Abschreibens entfernten.

Gerade das Kompilieren von relevanten Textstellen unterschiedlicher Autoritäten zu thematischen Sammlungen führte zur Bildung eigenständiger Textorganisationsfähigkeiten bei den Schreiber:innen. Und das Kommentieren autoritativer Texte wie der Bibel oder der Schriften der Kirchenväter verselbständigte sich soweit, dass der Kommentar bald mehr Raum einnahm als der kommentierte Text. Neben dem stillen Lesen bildete sich so auch das stille Schreiben heraus.

Denken und Schreiben

Autograph von Thomas von Aquin aus dem 13. Jahrhundert
Abb. 2: Autograph von Thomas von Aquin aus dem 13. Jahrhundert.

Die provisorische Aufzeichnunge auf Wachstafel vor der Niederschrift mit Tinte auf Pergament wich mehr und mehr handschriftlichen Notizen auf das haltbarere Pergament. Die neue Kursivschrift half, beim Schreiben mit der Geschwindigkeit der Gedanken Schritt halten zu können. Das Aufkommen des Papiers als billigem Schreibmaterial seit dem 11. Jahrhundert hob die traditionelle Arbeitsteilung zwischen (Ab-)Schreiben und diktierter Textkomposition, die sich an der antiken Rhetorik orientierte, vollends auf.

Die schriftliche Kommunikation erlangte, nicht zuletzt auch aufgrund der Kluft zwischen der Schriftsprache Latein und den regionalen Sprachen (italienisch, französisch, deutsch…) Eigenständigkeit gegenüber der gesprochenen Sprache. Und die Textorganisation veränderte sich durch die Möglichkeit nachträglicher Korrekturen, sodass vermehrt Querverweise innerhalb des Texts zu Anwendung kamen und mündliche Redundanzen im Nachhinein getilgt wurden.

Die Vereinigung von Denken und Schreiben in einer Person wirkte sich auch auf die Inhalte aus. Intimitäten und kritisch-subversive Gedanken fanden leichter Eingang in Texte, da die soziale Kontrolle, die unter arbeitsteiligen Umständen wirkte, entfiel. Das Bild abgeschiedener Autor:innen kristallisierte sich heraus. Das Schreiben entwickelte sich zum Schreiben von individuellen Autor:innen, das wir heute kennen.
 

Quellenangaben

Literatur: Otto Ludwig, Geschichte des Schreibens, De Gruyter 2005.
Titelbild: Brief Margherita Datinis an ihren Ehemann, den Kaufmann Francesco Datini (14. Jh.) (Sailko, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37858394).
Abbildung 1: In seinem Mathemtiklehrbruch von 1494 beschreibt der Mönch Luca Pacioli erstmals die doppelte Buchführung, die schon seit rund 200 Jahren in Verwendung ist (Universitäts Bibliothek Stockholm, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38104642).
Abbildung 2: Autograph von Thomas von Aquin aus dem 13. Jahrhundert (Antoine Doudaine, Les Sécretaires de Saint Thomas, Tafel XXX, 1956).


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