You are currently viewing Geschichte des Schreibens: Neuzeit – Der Buchdruck
Wo die ‹Bleiwüste herkommt: der Bleisatz.

Geschichte des Schreibens: Neuzeit – Der Buchdruck

An die Stelle eines einzigen Schreibers
tritt eine ganze Mannschaft von Spezialisten.
(Otto Ludwig)

 

Der Buchdruck veränderte weniger das Schreiben als den Status und die Herstellung der Bücher. Das Buch wandelte sich endgültig vom (heiligen) Unikat zum profanen Exemplar, das einer wachsenden Zahl an Lesenden der Wissensvermittlung diente. Das Schreiben von Texten folgte nach wie vor der textuellen Konzeption, die sich bereits im Hoch- und Spätmittelalter herausgebildet hatte. Der Buchdruck ergänzte diese aber um eine maschinelle Konzeption.

Buchproduktion

Buchdruck im 16. Jahrhundert
Abb. 1: Buchdruck im 16. Jahrhundert.

Gutenbergs bewegliche Lettern (Druckverfahren mittels Platten gab es längst) ermöglichten erstmals die flexible Herstellung von Druckplatten durch die Wiederverwendung der Lettern. Indem die einzelnen Lettern immer neu zusammengesetzt werden konnten, hatte Gutenberg das alphabetische Prinzip konsequent auf das Drucken angewandt. Die Produktion wurde ökonomischer und die Bücher damit erschwinglicher. Und das Handwerk des Schreibens wich im arbeitsteiligen Produktionsprozess dem Sachverstand der Spezialisten wie Giesser:innen, Setzer:innen und Drucker:innen.

Die kapitalintensive Produktion (Anschaffung von Maschinen, Bezahlung von Spezialisten) führte zu einer Zentralisierung der Buchproduktion. Diese wurde dadurch auch anfälliger für Interventionen und Verbote. Gleichzeitig etablierte sich, da der Text eines Autors plötzlich eine Vielzahl von Lesern fand, auch eine sternförmige Kommunikationsstruktur (im Gegensatz zur netzförmigen oraler Zusammenhänge).

Standardisierung

Buchdruck im 16. Jahrhundert
Abb. 2: Standardisierung, identische Exemplare desselben Texts.

Die Standardisierung im Produktionsprozess führte zu einer Reihe von anderen Standardisierungsprozessen. Die grössere Reichweite der Bücher verlangte nach einer Standardisierung der Sprache, damit Bücher in verschiedenen Dialektregionen gelesen werden konnten. Der Erfindung der Zentralperspektive ähnlich standardisierte die massenhafte Buchproduktion auch die Wahrnehmung. Und die zuverlässige Reproduktion standardisierte die Text- und Wissensauffassung.

Texterzeugung

Die massenhafte Verbreitung von Büchern enthob den Text seines persönlichen Bezugs, den mittelalterliche Bücher durch Widmungen oder die enge Zirkulation unter den Gebildeten hatten. Die Anforderungen an Texte, die als abgeschlossene nach dem Druck unveränderlich blieben und sich an ein breites Publikum richteten (zusehends fanden Erfahrungsberichte anstelle von abstrakten Spezialwissen Eingang in die Bücher), stiegen dementsprechend. Die Druckvorlagen wollten minutiös überarbeitet sein. Das Schreiben erweiterte sich um das Edieren.

Neben dem Brief, der sich aufgrund seines privaten Charakters nicht für den Druck eignete und so die wesentliche Domäne handschriftlichen Schreibens blieb, entwickelte sich auch die Kalligraphie zu einer eigenständigen Kunst. Der Kalligraphie ging es weniger um Mitteilung, als um die schöne Gestaltung von bisweilen auch nur noch schriftähnlichen Texten. In der Kalligraphie erhielt sich der Unikatcharakter mittelalterlicher Bücher.
 

Quellenangaben

Literatur: Otto Ludwig, Geschichte des Schreibens, De Gruyter 2005.
Titelbild: Wo die ‹Bleiwüste› herkommt: der Bleisatz (https://pixabay.com/de/photos/schrift-bleisatz-buchdruck-705667/).
Abbildung 1: Buchdruck im 16. Jahrhundert (Jost Amman, gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=207246).
Abbildung 2: Standardisierung, identische Exemplare desselben Texts (https://pixabay.com/de/photos/deutsch-b%C3%BCcher-b%C3%BCcherstapel-2547181/).


Nimm Kontakt zu uns auf:

tentakeln

 

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar