Geschichte des Schreibens in Europa: Die Ursprünge ausserhalb Europas
Das Rebusprinzip: Klangliche Ähnlichkeit wird genutzt, um assoziativ neue Wörter hervorzurufen.

Geschichte des Schreibens in Europa: Die Ursprünge ausserhalb Europas

When I see an image, I naturally think of it as a representation.
A picture of something. But to Bill [ein Ältester der Aboriginal],
these are not pictures of the ancestors, these are the ancestors.
(Lydia Wilson)

Schreiben, das ist ein wenig wie Zauberei. Zugegeben: Für uns, die wir (noch) in einer ausgesprochen schriftlichen Kultur leben und schon in der ersten Klasse lesen und schreiben lernen, mag das etwas überspitzt klingen. Was ist schon dabei? Wir lesen und schreiben jeden Tag.

Dennoch: Der Umstand, dass abstrakte Zeichen hierhin und dorthin wandern können, um Vorstellungen und Gedanken zu transportieren, ist magisch – als könnten Buchstaben tatsächlich Abwesendes herbeizaubern. Und die Möglichkeit, diese Zeichen in einer beinahe unendlichen Zahl von Kombinationen auf immer neue Weise und zu neuem Sinn zusammenzustellen, ist umso magischer. Ehrfurchterregend, wer über solche Zeichen gebietet. Es waren zur Zeit der Erfindung der Schrift und des Schreibens wenige.

Ein Wort, ein Bild

Die Buchstaben, die Bestandteile unserer heutigen Schrift, waren allerdings nicht immer so abstrakt, wie sie sich heute zeigen. Aber wer weiss heute noch, dass sich in unserem A der umgedrehte Kopf eines phönizischen Stiers mit seinen zwei Hörnern verbirgt? Ihren Ursprung hat unsere Schrift in Bildzeichen: den altägyptischen Hieroglyphen, eines der ältesten Schriftsysteme.

Altägyptische Hieroglyphen
Abb. 1: Altägyptische Hieroglyphen.

Die Hieroglyphen, meist auf Papyrus geschrieben oder in Stein gehauen, funktionieren aber nicht nach demselben Prinzip wie unsere Buchstaben. Sie bilden – im Gegensatz zu den Buchstaben des Alphabets – direkt ab, was sie bezeichnen. Sie stellen nicht einzelne Buchstaben oder Silben dar, sondern ein ganzes Wort. Damit war das Schriftsystem der Hieroglyphen zwar eingängig und deutlich, aber auch statisch und unflexibel. Was mit Hieroglyphen mitgeteilt werden kann, beschränkt sich auf einige wenige Kontexte.

Vom Bild zum Zeichen

Erst das Rebusprinzip erlaubte eine Flexibilisierung der Schrift. Das Rebusprinzip reduziert bestimmte Hieroglyphen vom Wort auf die zugrundeliegende Silbe. Besonder geeignet sind einsilbige Worte. Ist erst einmal klar, dass eine einzelne Hieroglyphe entweder ein Wort oder seine Silbe sein kann, lassen sich die Hieroglyphen entsprechend der Silben, die sie repräsentieren, zu neuen Wörtern verbinden. Mehrere Hieroglyphen hintereinander ergeben als Silben gelesen zusammen ein neues Wort. Um unterscheiden zu können, ob in einem bestimmten Fall die Hieroglyphe als Wort oder als Silbe gemeint ist, ergänzten bald die ersten diakritischen Zeichen das bestehende System der Hieroglyphen.

Abb. 2: Die protosinaitische Umwandlung einer altägyptischen Hieroglyphe und ihre abstrakte Darstellung im phönizischen Alphabet.

Menschen aus dem heutigen Israel, die vor rund 4000 Jahren als Händler und Arbeitsmigranten vor allem auf der Sinaihalbinsel in engem Kontakt zu Altägypten standen, spitzten das Rebusprinzip soweit zu, dass die Abwandlung einer altägyptischen Hieroglyphe bald nur noch einen Laut repräsentierte. Das neue Schriftsystem, bestehend aus rund 30 Zeichen, wanderte nordwärts und fand durch die Phönizier zur abstrakten Klarheit eines Alphabeths, wie wir es kennen. Ein Alphabet, das den ersten beiden Buchstaben des Altgriechischen – Alpha und Betha – seinen Namen verdankt. Ein Alphabet, das im Ochsen (Aleph), der seit seinen Anfängen den weiten Weg bis zu AlephFarms zurückgelegt hat, und im Haus (Beth) der Phönizier noch nach dreitausend Jahren seine Herkunft verrät.

Quellenangaben

Film: David Sington, The secret history of writing (BBC-Film, 2020 – https://www.youtube.com/watch?v=TyfIS9b77A8).
Titelbild: Das Rebusprinzip: Klangliche Ähnlichkeit wird genutzt, um assoziativ neue Wörter hervorzurufen (cc Luisa Formanski).
Abbildung 1: Altägyptische Hieroglyphen (https://pixabay.com/de/photos/%C3%A4gypten-luxor-hieroglyphen-3343461/).
Abbildung 2: Die protosinaitische Umwandlung einer altägyptischen Hieroglyphe und ihre abstrakte Darstellung im phönizischen Alphabet (Mintz l, CC BY 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1188015).

 


Nimm Kontakt zu uns auf:

tentakeln

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar