Geschichte des Schreibens: Frühmittelalter – Buchkunst
Codex Egberti, hergestellt im Kloster Reichenau zwischen 980 und 993 im Auftrag von Bischof Egbert von Trier.

Geschichte des Schreibens: Frühmittelalter – Buchkunst

Für uns ist Abschreiben eine minderwertige Art des Schreibens, eigentlich noch nicht
einmal ein angemessener Gebrauch, gerade einmal Schreibanfängern zumutbar. […]
Darum fällt es auch schwer zu verstehen, vielleicht nicht so sehr, daß im frühen Mittelalter
viel abgeschrieben worden ist, als vielmehr, warum diese an sich recht unproduktive
Tätigkeit damals so große Wertschätzung erfahren hat.
(Otto Ludwig)

 

Mit dem Beginn des Mittelalters näherte sich die Konzeption des Schreibens zum ersten Mal einer genuinen Schriftlichkeit. Während die Ursprünge der Schrift zwar im Bild zu finden sind, die Antike jedoch trotz Verwendung eines abstrakten Alphabets immer noch eine oralisierte Konzeption des Schreibens pflegte, entwickelte das frühe Mittelalter eine optische Konzeption. Das mittelalterliche Schreiben bediente sich desselben Alphabets wie die Antike, deutete dieses aber – gewissermassen seiner Herkunft vom Bild her entsprechend – visuell.

Schreiben als Gottesdienst

Mittelalterliches Skriptorium
Abb. 1: Mittelalterliches Skriptorium.

Der Bedarf an liturgischen Büchern im christianisierten Westeuropa förderte eine rege Tätigkeit des Abschreibens. Das geistliche Wissen der Antike (wie etwa die Texte der Kirchenväter) diente als Kitt für die sich neu formierende Gesellschaft nach dem Untergang des weströmischen Reichs. Der Bewahrung und Verbreitung der Heiligen Schrift kam eine zentrale Bedeutung zu.

Bereits ab dem 6. Jahrhundert beschäftigen sich in den Skriptorien der Klöster in ganz Europa hunderte und tausende von Mönchen mit der Vervielfältigung. Erstmals wurden Bestandskataloge der Klosterbibliotheken angefertigt, um den Austausch und die Beschaffung von Büchern für Abschriften zu erleichtern. An Schreibpulten stehend oder sitzend widmeten sich häufig mehrer Mönche gleichzeitig dem Abschreiben eines Texts.

Dieses Abschreiben verlangte viel Konzentration und körperliche Anstrengung. Gerade deswegen erlangte es den Status einer heiligen Tätigkeit. Schreiben und lesen verloren ihren hauptsächlich weltlichen Bezug und kehrten sich als meditative Übungen gegen innen. Langsames und stilles Lesen wurde gebräuchlich. Die Gestaltung der Texte passte sich diesen Vorstellungen an und die antike scriptio continua verschwand allmählich.

Sehen statt Hören

Abb. 1: Rupertsberger Riesenkodex, 12. Jahrhundert.

Mit der Einführung von Spatien (Abstände zwischen Worten), Absätzen, Interpunktionszeichen und Kleinbuchstaben (bekannt ist die karolingische Minuskel aus dem 8. Jahrhundert) zur Erleichterung des Leseflusses fanden rein optische Zeichen, die auch bei lautem Vorlesen nicht gesprochen werden, ihren Weg in den Text. Neben diese visuellen Elemente traten vermehrt Bilder, die als didaktisches Mittel auch Leseunkundigen die biblische Botschaft vermitteln sollten.

Mit diesen Neuerungen entwickelte sich das Schreiben mehr und mehr zu einer umfassenden Kunst der Buchherstellung, die vom Schreiben über das Malen bis zum Schneiden und Binden eine Vielfalt an Tätigkeiten nebeneinander stellte. Die aufwändig gestalteten Bücher wurden meist im Auftrag von Stifter:innen verfasst. Gebührte daher die Urheberschaft den begüterten Stifter:innen, oblag die Gestaltung den Schreiber:innen. Nicht der abgeschriebene Text, sondern die Gestaltung machte jedes Buch zu einem Einzelstück.

Weil überdies der Handel mit ägyptischem Papyrus durch den Aufstieg des Islam zum Erliegen gekommen war, bediente sich das frühe Mittelalter des teuren Pergaments (präparierte Tierhaut). Auch deswegen erlangte das Schreiben – Bücher wurden nicht selten repariert oder überschrieben (Palimpsest) – eine ganz andere Bedeutung als in der Antike, die reich an Schreibmaterialien gewesen war und einen weltlichen-pragmatischen Umgang mit Schriftstücken gepflegt hatte.
 

Quellenangaben

Literatur: Otto Ludwig, Geschichte des Schreibens, De Gruyter 2005.
Titelbild: Codex Egberti, hergestellt im Kloster Reichenau zwischen 980 und 993 im Auftrag von Bischof Egbert von Trier (Palauenc05, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46967383).
Abbildung 1: Mittelalterliches Skriptorium (https://alltag-im-mittelalter.ideenset.ch/imagemap_area/skriptorium/).
Abbildung 2: Rupertsberger Riesenkodex, 12. Jahrhundert (Ilona Buchecker, Landesbibliothek Wiesbaden, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15356745).


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