You are currently viewing Geschichte des Schreibens: Antike – Das vollständige Alphabet
Scriptio Continua.

Geschichte des Schreibens: Antike – Das vollständige Alphabet

Die Kleinheit der Städte hatte zur Folge, daß jeder jeden kannte, die Geschäfte, die zu regeln waren,
direkt abgewickelt werden konnten und es so nur eine Weise gab, miteinander zu kommunizieren:
die direkte, d.h. mündliche. […] Die Konzentration auf das Mündliche wurde forciert in dem Maße,
wie die Öffentlichkeit und so das Politische an Bedeutung gewannen.
(Otto Ludwig)

 

Die antiken Griech:innen übernahmen die Schrift von den Phönizier:innen. Und so wanderte das Alphabet zum ersten Mal nach Europa. In ihrer Eigenwilligkeit begnügten sich die antiken Griech:innen aber nicht damit, sich das vollständig entwickelte Schriftsystem der Nachbar:innen anzueignen. Sie eigneten sich das Alphabet und die Technologie des Schreibens in einem buchstäblicheren Sinn an, indem sie das phönizische Alphabet um Vokale ergänzten und die Schreibrichtung änderten.

Lieber reden als schreiben

Obwohl jedoch die antiken Griech:innen das phönizische Schriftsystem so weiterentwickelten, dass es die Grundlage für unser heutiges Alphabet bildet, lebten sie selbst in einer ausgesprochen mündlichen Kultur. Die überschaubare gesellschaftliche Organisationsform der Polis (antiker Stadtstaat) ermöglichte es, den Austausch unter den Menschen weitgehend mündlich und unmittelbar zu halten, sodass in der Antike – auch  bei den Römer:innen später – ein oralisierte Schreib- und Lesekonzeption vorherrschte.

Das Schreiben diente vor allem dazu, mündliche Rede aufzubewahren. Ein Schriftstück war keine eigenständige Form der Kommunikation, sondern es musste durch lautes Lesen wieder in Rede verwandelt werden. Denn nur Gesprochenes bzw. Gehörtes wurde als sinnvoll erachtet. Das laute Vorlesen sowohl beim Schreiben als auch beim Lesen war daher gängig. Die Fokussierung auf das Hören konnte so weit gehen, dass die Zuhörer:innen das Vorgelesene verstanden, nicht aber die Vorleser:innen. Die heute geläufige Technik des stillen Lesens war weitgehend unbekannt.

Schreiben mindestens zu zweit

Schreiben auf Wachstafel_1
Abb. 1: Schreiben auf eine Wachstafel ohne Verwendung eines Tischs.

Die Vervielfältigung von Schriftstücken bzw. das Aufschreiben mündlicher Rede erfolgte dementsprechend oft arbeitsteilig. Eine Person las vor, während eine zweite Person das Vorgelesene aufschrieb. Fehlten effiziente Vervielfältigungstechniken wie der Druck in der Antike noch, konnte sich unter den Bedingungen dieses oralisierten Schreibens erst recht keine massenhafte Verbreitung von Schriftstücken etablieren. Viel zu zeitaufwändig war das Abschreiben mit seinem langsamen Vorlesen und seinen Korrekturgängen.

Die Schrift erachteten die antiken Griech:innen als defizitär, gerade weil ihr die Stimme fehlte. Sie schrieben ohne festgelegte Orthografie nach dem Gehör. Vergleichbar waren diese Schriftstücke, die ohne Verwendung eines Tischs mit Griffeln auf Wachstafeln (für Alltägliches) oder mit Tinte auf Papyrus (für längere Aufbewahrung) geschrieben wurden, mit Musikpartituren heute, die auch erst durch ein Orchester zu ihrem vollen Ausdruck gelangen. Visuelle Elemente wie beispielsweise Bilder waren der antiken Schreibpraxis fremd.

Boustrophedon ('Wie der Ochse pflügt') von links nach rechts nach links
Abb. 2: Boustrophedon (‚Wie der Ochse pflügt‘) von links nach rechts nach links.

Ununterbrochen schreiben

So reduzierten die antiken Griechen die Schrift, die ausschliesslich aus Grossbuchstaben bestand, auf ihre klanglichen Aspekte (unter Auslassung von Intonation allerdings). In ihrer scriptio continua, die unablässig einen Buchstaben hinter den anderen reihte, fehlten Abstände zwischen Wörtern. Es fehlten Absätze. Und es fehlten weitere visuelle Gliederungsmittel wie Punkt und Komma. Bisweilen ging der Versuch, die Ununterbrochenheit mündlicher Rede einzufangen, so weit, dass die Schrift eine fortlaufendes mäandrierendes Band von links nach rechts nach links nach rechts bildete.
 

Quellenangaben

Literatur: Otto Ludwig, Geschichte des Schreibens, De Gruyter 2005.
Titelbild: Scriptio continua (https://pixabay.com/de/photos/latein-rom-vatikan-inschrift-wand-293907/).
Abbildung 1: Schreiben auf eine Wachstafel ohne Verwendung eines Tischs (https://www.cornellcollege.edu/classical_studies/reviewgreek/).
Abbildung 2:  Boustrophedon (‚Wie der Ochse pflügt‘) von links nach rechts nach links (PRA, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6880597).


Nimm Kontakt zu uns auf:

tentakeln

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar