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Zeitungen arbeiten seit eh und je in offenen Räumen, um den Austausch zu erleichtern: Redaktionsraum der New York Times um das Jahr 1920.

Der lange Marsch durch die Institutionen oder Wie ein Text in die Zeitung kommt

Wir wollen uns da keine Illusionen machen. Aber das ist natürlich ein alter Hut. Nein: Es geht nicht darum, dass der Journalismus eingeht, weil das Internet… Es geht darum, dass jeder journalistische Text durch viele Hände geht. Einerseits schärft das einen Text. Andererseits schränkt dies die Meinungsfreiheit ein.

Qualitätssicherung

Wer schreibt, hängt manchmal in den eigenen Gedanken fest. Wer schreibt, vergisst manchmal einen wichtigen Aspekt eines Sachverhalts. Wer schreibt, macht manchmal auch einfach argumentative Fehler.

Verwunderlich ist das nicht, sind wir doch Menschen und keine Maschinen. Deswegen arbeiten journalistische Publikationen, gerade wenn es um längere Texte geht, meist mit verschiedenen Phasen des Gegenchecks. Nicht nur diskutiert die Redaktion vorgängig, was und auf welche Weise ein Thema zur Sprache kommen soll.

Sondern Gespräche mit Kolleg:innen und verschiedene Korrekturphasen bringen einen Text erst in die Form, die er als Publikation haben wird. Das sorgt für Ausgewogenheit, rundet Formulierungen ab und hält das argumentative Niveau hoch. Viele Köch:innen verderben da den Brei gerade nicht.

Eingriff in die Meinungsfreiheit

Redaktionen sind notgedrungen homogener als die Welt insgesamt.
Abb. 1: Redaktionen sind notgedrungen homogener als die Welt insgesamt.

Gleichzeitig unterliegt ein Text aber auch redaktionellen Sachzwängen. Üblicherweise sind Redaktionen nicht politisch repräsentativ zusammengesetzt. Vielmehr ist eine Redaktion meist das Sprachrohr einer bestimmten politischen Tendenz.

Gerade Texte von freien Journalist:innen unterliegen einem erhöhten Druck. Denn einerseits sind freie Journalist:innen bedacht auf ihre Unabhängigkeit, andererseits wollen und müssen sie publizieren. Leicht geschieht es also, dass ein Ultimatum einen Text beim letzten Korrekturgang belegt: «Das Politische ist etwas zurückgestutzt. Sonst will man’s nicht bringen.» Freie Journalist:innen müssen dann abwägen, ob die Eingriffe noch vertretbar sind.

Mit Verblüffung habe ich diese Erfahrung selbst gemacht. Theoretisch war mir diese Möglichkeit natürlich bekannt. Praktisch sah ich mich nie bei den politischen Scharfmachern, die zu zügeln nötig wäre. Und doch ging es auch mir so, wie ihr an diesem Beispiel nachvollziehen könnt.

Könnte die Literatur nicht vom Journalismus lernen?

Nun ist es augenscheinlich, dass journalistische Arbeit eine Form kollektiven Schreibens ist. Das ist sicher gut so. Denn die Qualitätssicherung rechtfertigt wahrscheinlich die insgesamt hoffentlich lässlichen Eingriffe in die Meinungsfreiheit. Verwunderlich ist allerdings, dass die literarische Arbeit von solcher Kollektivität noch kaum profitieren will – wo sie doch darüber hinaus weit weniger als der Journalismus vom Problem der Meinungsfreiheit betroffen ist. Bestimmt liesse sich bei einem literarischen Text mit einer kollektiven Arbeitsweise schon vor einem allfälligen Lektorat ansetzen.
 

Quellenangaben

Titelbild: 
Zeitungen arbeiten seit eh und je in offenen Räumen, um den Austausch zu erleichtern: Redaktionsraum der New York Times um 1920 (janeb13, https://pixabay.com/photos/new-york-times-journal-press-room-1159719/).
Abbildung 1: Redaktionen sind notgedrungen homogener als die Welt insgesamt (succo, https://pixabay.com/vectors/demonstration-show-me-demonstrate-2137449/).

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