Der Krake
Unser neues Lieblingstier: ein Krake.

Der Krake

Ich freunde mich an mit einer Spinne
und schaue ihr bei der Arbeit zu.
(Element of Crime)

 

Können wir uns mit einem Kraken anfreunden? Können wir uns mit einem vielarmig wabernden, rückgratlos-flexiblen, mit einem glubschäugig steinern-verwittert erscheinenden, können wir uns wirklich mit einem vielleicht sogar gefährlichen – wie die Mythen von riesigen schiffeverschlingenden Meeresungeheuern erzählen – Tier anfreunden?

So unvorstellbar das manchen Menschen, die sich vor Kraken wahlweise ekeln oder fürchten, vielleicht erscheinen mag, so unvorstellbar ist es für viele auch, dass gute Bücher nicht von einem Genie in monatelanger Einsamkeit erquält, sondern von vielen Menschen in kurzer Zeit mit Lust und Freude als Gemeinschaftswerk geschaffen werden.

Arbeiten wie Kraken

Abb. 1: Ein Krake breitet sich aus.

Wie Kraken wollen wir vielarmig ans Werk gehen, wie Krakenarme wollen wir nicht abhängig von einem einzigen Gehirn sein. Wie Kraken wollen wir flexibel und beweglich bleiben, um situationsangepasst arbeiten zu können.

Der Krake: wenige Zentimeter (Sternsaugnapf-Zwergkrake) bis mehrere Meter (Pazifischer Riesenkrake) gross, achtarmig, mit drei Herzen, hochentwickeltem Nervensystem und leistungsfähigem Gehirn, womöglich intelligentestes Tier unter den wirbellosen. (Anzufügen ist: Der Riesenkalmar, der den mythischen Kraken-Inkarnationen wohl Pate stand, ist mit seinen zehn Armen kein Krake. Der bekannte Oktopus hingegen ist eine Unterart der Kraken.)

Kraken-Tradition

Wie wäre es also? – Der Krake hat ohnehin schon eine lange literarische Tradition, die vom Gedicht «The Kraken» des viktorianischen Klassikers Alfred Lord Tennysson über den monumentalen Roman 20’000 Meilen unter dem Meer des Science-Fiction Mitbegründers Jules Verne bis zur Kuriosität Der neunte Arm des Oktopus des Rossmann-Gründers Dirk Rossmann reicht. Zu dessen Praxis des käuflichen Literaturerfolgs bildet der Kraken Verlag einen – hoffentlich wohltuenden – Kontrast. Überdies widmet der Zürcher Kampa-Verlag dem Kraken sogar eine ganze Reihe. Prominent ist der Krake – als mythisches Meeresungeheuer – natürlich auch im Film Pirates of the Carribean. Und mit OctolabTV verfügt der Krake sogar schon über einen eigenen Youtube-Chanel, auf dem er seine Intelligenz unter Beweis stellt.

Cover_Rendevous mit einem Oktopus
Abb. 2: Sy Montgomery, Rendevous mit einem Oktopus, erschienen 2019 bei Diogenes in Zürich.

In jüngerer Zeit hat der Krake auch mit verschiedenen Übersetzungen auf sich aufmerksam gemacht. Die Versuche über die Logik des Imaginativen des französischen Soziologen Roger Caillois fanden den Weg ins Deutsche ebenso wie die Erkundungen des tiefen Ursprungs des Bewusstseins des australischen Wissenschaftsphilosophen Peter Godfrey-Smith. Und nicht zu vergessen: Rendezvous mit einem Oktopus der deutsch-amerikanischen Autorin . In Kürze kommt überdies Owen Daveys reich illustriertes Sachbuch Die Kraken Crew heraus.

Wir vermuten, dass der Krake zeitgemäss ist. Denn er erscheint in der Sprache nicht nur als schillerndes Wesen, weil wir ihn manchmal als männlich (der Krake) und manchmal als weiblich (die Krake) bezeichnen, sondern im Zeitalter des Klimawandels scheint es überhaupt angebracht, uns Tiere zum Vorbild zu nehmen statt die vermeintlichen Genies der – mitunter äusserst zerstörerischen – menschlichen Art. In diesem Sinn:

Es lebe der Krake.

Quellenangaben

Titelbild: Unser neues Lieblingstier: ein Krake (https://pixabay.com/de/photos/natur-tierwelt-tier-tropischer-3262715/).
Abbildung 1: Ein Krake breitet sich aus (https://pixabay.com/de/vectors/krake-tier-jahrgang-unterwasser-5835161/).
Abbildung 2: Sy Montgomery, Rendevous mit einem Oktopus, erschienen 2019 bei Diogenes in Zürich (https://www.diogenes.ch/leser/titel/sy-montgomery/rendezvous-mit-einem-oktopus-9783257244533.html).


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