Bücher machen: ein kollektives Unterfangen?
Setzer bei der Maschinensatzverarbeitung.

Bücher machen: ein kollektives Unterfangen?

Die Vorstellung, dass dem Autor eine besondere Funktion im Produktionsprozess
zukommt – nämlich die einzige, die Aufmerksamkeit verdient – ist jüngeren Datums.
Es handelt sich um ein Nebenprodukt der literaturromantischen Anschauung,
dass bedeutende Schriftsteller einen Bruch mit der Tradition insgesamt vollziehen,
um etwas absolut Neues und Einzigartiges, d.h. «Originales», zu schaffen.
(Martha Woodmansee)

Ein Buch? – Das ist: Schreiben, setzen, drucken, binden, vertreiben… Meist denken wir heute wohl nicht mehr so. Ein Buch machen: Das ist vor allem schreiben, schreiben, schreiben… Alle anderen Figuren wie GrafikerInnen, SetzerInnen, DruckerInnen oder BuchbinderInnen die für die Herstellung eines Buchs unumgängliche Arbeit leisten, verblassen neben der AutorInnen-Figur.

Grass, Kehlmann und Co.

Bestimmt wird unsere Vorstellung von AutorInnen auch im digitalen Zeitalter noch hauptsächlich von den grossen Figuren der Vergangenheit, die uns die Welt erklären. Graue Eminenzen, die den öffentlichen Diskurs prägen. Moralische Instanzen, die an das Gewissen der Gesellschaft appellieren. Gespräche, die an die Medien Fernsehen und Rundfunk gebunden sind.

Die Figur der öffentlichen Intellektuellen, die vielfach SchriftstellerInnen waren und sind: wie Max Frisch oder Günter Grass früher und zum Beispiel Lukas Bärfuss oder Daniel Kehlmann heute. Das Magazin Cicero ermittelt regelmässig eine Rangliste öffentlicher Intellektueller. Es ist dabei auch nicht verwunderlich, dass in diesem traditionalistischen Bild kaum Frauen erscheinen. Denn Schreiben war Männersache.

Damit die Texte dieser AutorInnen jedoch als Buch erscheinen können, leisten ganz verschiedene Menschen im Hintergrund unabdingbare Arbeit. Ganz abgesehen von der (industriellen) Bereitstellung der Rohmaterialien. Bemerkenswert ist immerhin, dass der amerikanische Ökonom und Nobelpreisträger Milton Friedman in seinen Ausführungen zum freien Mark beim Public Broadcasting Service (PBS) die industrielle Arbeitsteilung und Kooperation mit der Produktion eines Bleistifts illustrierte. Also mit nichts Geringerem als einem traditionellen Werkzeug von AutorInnen, die mit ihrem kreativen Geist das Aushängeschild des Büchermachens geworden sind.

Ableiten statt erfinden

Die längste Zeit im Verlauf der Geschichte spielten AutorInnen keine herausragende Rolle. Vielmehr stand die Ableitung der eigenen Texte von Texten älterer Autoritäten gegenüber der Abweichung von diesen und damit dem Erfinden ganz neuer Texte im Vordergrund. Und so erschien der Autor als einer unter zahlreichen Handwerkern, die an der Herstellung eines Buchs beteiligt sind. Der Autor beherrschte sein Handwerk – nicht anders als GrafikerInnen, SetzerInnen oder DruckerInnen ihr Handwerk beherrschen.

Das Büchermachen wieder vermehrt als kollektiven Prozess – sowohl was das Schreiben als auch was das Herstellen betrifft – zu verstehen, ist das Anliegen des Kraken Verlags. Und das handwerkliche Wissen, welches für das Schreiben und Herstellen nötig ist, weiterzugeben, ohne deswegen zur Autoritätsgläubigkeit früherer Zeiten zurückzukehren oder einer vorindustriellen Nostalgie zu verfallen, wollen wir versuchen. Tentakelt drauflos, wenn ihr mit diesem Versuch etwas anfangen könnt, und vergrössert die Gruppe von Gleichgesinnten und Experimentierfreudigen.

Quellenangaben

Literatur: Martha Woodmansee, «Der Autor-Effekt. Zur Wiederherstellung von Kollektivität», in: Texte zur Theorie der Autorschaft (S. 298-314), hrsg. v. Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matias Martinez & Simone Winko, Reclam Verlag 2000.
Titelbild: Setzer bei der Maschinensatzverarbeitung (Monster4711, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17320544).


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