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Krakenfund bei delirium.

Bei den delirium-Kraken

Das Braun ist einem grünen Glitzern gewichen;
und die Haut scheint durchsichtiger geworden zu sein,
als könnte man ins Innere sehen. […] Schreiben ist kein Backen
und wird es nie werden; da wird nie mehr zu holen sein als Unerheblichkeit.
(Cédric Weidmann)

Die Ankündigung der 13. Ausgabe der Literaturzeitschrift delirium (23. April 2021) führt «ungeahnten content» im Schlepptau. Der delirium-Kahn, Planke für Planke aus verschiedensten Hölzern über die Jahre allmählich zusammen gezimmert, zieht ein U-Boot aufs Meer hinaus. Und dieses U-Boot geleitet uns hinunter zu einer Tiefseestation im Marianengraben. Am dunkelsten Punkt der Erde erforscht das Sonar auf der Suche nach «Weichtieren, Sadboys und dem ewigen Blues» die melancholischen Tiefen der Seele.

SadSoftBoySoundScape: delirium erstmals mit Audio-Literatur

Ungeahnter content erwartet uns tatsächlich. Unter den staunenden Ausrufen der Tiefsee-Tourist:innen klärt uns die Reiseleiterin Niki Grieser über Softboys oder eben Weichtiere und ihre Tentakel auf. Jeder einzelne Saugnapf an den Tentakeln schmeckt, sodass der Krake als Verkörperung des Geschmacks schlechthin erscheint. Ebenso wie diese Geräuschkulisse SadSoftBoySoundScape am tiefsten Punkt der Erde geschmackvoll ist, ist die Auseinandersetzung mit Geschmack in einer Literaturzeitschrift treffend.
 

delirium mit Audioliteratur: Niki Griesers Geräuschkulisse SadSoftBoySoundScape
Abb. 1: delirium mit Audioliteratur: Niki Griesers «Geräuschkulisse SadSoftBoySoundScape».
 
Dass diese Auseinandersetzung allerdings von der Tiefsee zurück in die Untiefen menschlicher Existenz führt, ist klar wie Klosbrühe. Das Innere ist keineswegs die Seele, sondern vor allem ein wie Tentakel vielfältig verschlungener Verdauungsapparat. Also wird es um Nahrung gehen, um Verdauungsstörungen, um Care-Arbeit. Es wird um die insgesamt schwer zu bewältigenden Aufgaben gehen, mögen wir sie auch mit viel Geschmack bemänteln, damit sie annehmlich und schön erscheinen.

Riesenkrakenfund vor Durbans Küste

Ähnlich wie die innere Fäulnis bei Verdauungsstörungen könnte «die dunkelste Fäulnis des Ozeans» in Cédric Weidmanns «Die Sprengung des Riesenkraken vor Durbans Küste» riechen. Ein unansehnlicher «Kadaver» liegt «halb im Wasser, über zehn Meter ausgestreckt» am Strand. Das schadet dem Tourismusgeschäft, ob nun Forscher:innenhorden den Strand rund heraus absperren oder schlicht die Anwesenheit des Kadavers selbst das Strandidyll beeinträchtigt. Kein Wunder also, dass der «Hotelbesitzer» ihn schnellstmöglich vom Strand haben will, ohne Aufsehen.
 

 

Ohne Aufsehen geht es in literarischen Belangen meist zu und her. Bis ab und zu wie zur Leipziger Buchmesse Preise verteilt werden (damals, 2019, ging es um Anke Stellings «Schäfchen im Trockenen»). Ein wenig wie Kindergeburtstag: Nur geht es bisweilen ums nackte Überleben der literarischen Rennpferde, die sich für die Wettbewerbssaison fit trimmen.

Kraken-Reflexion

Der Koloss-Kalmar: Kalmare verfügen im Gegensatz zu den achtarmigen Kraken über zehn Arme und sind aufgrund ihrere Rückenplatte weniger beweglich als die knochenlosen Kraken
Abb. 2: Der Koloss-Kalmar: Kalmare verfügen im Gegensatz zu den achtarmigen Kraken über zehn Arme und sind aufgrund ihrere Rückenplatte weniger beweglich als die knochenlosen Kraken.

Und Kraken? Natürlich ist der Koloss-Kalmar kein Krake, wie der Titel suggeriert. Aber das ist der springende Punkt. Was zum Seeteufel ist dieser vermeintliche Krake? Wofür steht er, wenn er überhaupt für etwas steht? Und was ist eigentlich die Bedeutung von Literatur?

Diese Kraken-Reflexionen sind dazu angetan, Literatur jenseits der bestehenden Kategorien – «professionelles und dilettantisches Schreiben» (Cédric Weidmann) – zu verorten. Mit dem Kraken Verlag hoffen wir, die Literatur – genossenschaftlich vielleicht – aus ihrer Unerheblichkeit heraus, denn die Autonomie der Kunst macht Kunst auch bedeutungslos, an den Tisch holen zu können: mitten unter die Backwaren.
 

Quellenangaben

Literatur:
Niki Grieser, Geräuschkulisse SadSoftBoySoundScape, delirium 2021. // Cédric Weidmann, Die Sprengung des Riesenkraken vor Durbans Küste, delirium 2020.
Titelbild:
Krakenfund bei delirium (www.delirium-magazin.ch).
Abbildung 1: delirium mit Audio-Literatur: Niki Griesers «Geräuschkulisse SadSoftBoySoundScape» (Niki Grieser, https://delirium-magazin.ch/section/category/home/sadsoftboysoundscape).
Abbildung 2: Der Koloss-Kalmar: Kalmare verfügen im Gegensatz zu den achtarmigen Kraken über zehn Arme und sind aufgrund ihrere Rückenplatte weniger beweglich als die knochenlosen Kraken (CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=71340594).


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