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Unterschiedliche Hyperlinkstrukturen.

Autorschaft im digitalen Zeitalter

Wie viele der Millionen Computeranwender können die Namen
der Entwickler der Tabellenkalkulation Excel oder des Bestseller-Spiels
Myste nennen? Die Produkte selbst sind wichtiger als die Autoren, und diese
Produkte stellen Resultate einer hochgradig kooperativen Organisation dar.

(Jay. D. Bolter)

 

Die Zeit der digitalisierten Textverarbeitung und der Verbreitungskanäle des WWW erlaubt eine wesentlich schnellere Verbreitung von Texten als das Zeitalter des Buchdrucks. Alle können, zum Beispiel durch einen Blog, Autor:innen sein und ihre Texte an ein Publikum herantragen. Die Schranke des klassischen Verlags steht, gerade weil Computer deutlich billiger sind als Druckerpressen, nicht mehr zwischen Autor:innen und Publikum. Gleichzeitig unterminiert die hypertextuelle Struktur der digitalen Kommunikation und des WWW das Konzept der Autorschaft.

ProgammiererInnen als AutorInnen?

Besonders deutlich wird diese Verschiebung im Schreiben und Lesen und damit im Verständnis von Autorschaft bei den neuen Schreibformen, die das digitale Zeitalter hervorgebracht hat: programmieren. Zwar stehen Programme unter dem Schutz des Urheberrechts. Allerdings nehmen wir Autor:innen von Computerprogrammen längst nicht im selben Mass als Autor:innen wahr wie die traditionellen Autor:innen von Büchern. Bei Büchern, die wir gelesen haben, kennen wir die Namen der Autor:innen in aller Regel. Bei Computerspielen, die wir häufig auch gemeinsam über das WWW spielen, sind uns die Autor:innen meist unbekannt. Oder kennst du Rand Miller?

Myst im Veröffentlichungsjahr 1993 und heute:

Die Entstehung von Myst: Grenzen der virtuellen Welt, Grenzen der realen Welt

Der digitale Text des WWW funktioniert nicht mehr wie Bücher in abgeschlossenen Einheiten, die leicht einzelnen Autor:innen zuzuordnen sind. Vielmehr versammelt die hypertextuelle Struktur des WWW eine Vielzahl von Text(-fragmenten) und ihre Autor:innen um die Aktivität des Lesens. Der gelesene Text entsteht, indem Leser:innen sich lesend über Hyperlinks von Text zu Text fortbewegen. Dem digitalen Jargon entsprechend bahnen sich Leser:innen einen Pfad und folgen weniger einem linearen Argument oder einer fortlaufenden Geschichte wie beim Lesen eines traditionellen Buchs. Wie von selbst wird der digitale Hypertext zum Gemeinschaftswerk. Diesen Zusammenhängen verdankt der vom französischer Philosophen 1968 proklamierte Tod der Autor:innen und die Befreiung der Leser:innen seine technologisch-materielle Basis.

Verlegen, verlegt, Verlag

Eine hypertextuelle Textstruktur droht Leser:innen ins delirium zu stürzen. Die geistige Herkunft des Kraken Verlags – wir haben das in der Entstehungsgeschichte angesprochen – folgte in ihrem Verständnis von literarischem Schreiben, ohne es zu wissen und immer noch dem Analogen einer traditionellen Zeitschrift verhaftet, dem digitalen Prinzip des Hypertexts. Mittlerweile hat die Reflexion in der Auseinandersetzung mit theory-fiction auch den Stand der digitalen Erscheinung in Form einer hyperverlinkten Webseite erreicht.

Dass wir – trotz all dieser Voraussetzungen – Kraken Verlag genannt haben, ist vielleicht eine Verlegenheitslösung – getrieben von einem Anteil Traditionalismus und einem Anteil Phantasielosigkeit. Was soll’s. Wir beginnen dem digitalen Zeitalter entsprechend erst einmal als Netzwerk. Tentakelt und vielleicht tritt die Internetgemeinschaft der Kraken auch einmal örtlich auf, um für einige Zeit in gemeinschaftlicher Arbeit das Produkt – ein Buch – ins Zentrum zu stellen. Und bis dahin stehen wir einfach dazu: Beim Kraken Verlag werden wir verlegen.
 

Quellenangaben

Literatur: Jay D. Bolter, «Das Internet in der Geschichte der Technologien des Schreibens» (übers. v. Stefan Münker), in: Schreiben als Kulturtechnik – Grundlagentexte (S. 318-337), hrsg. v. Sandro Zanetti, Suhrkamp 2012.
Titelbild: Unterschiedliche Hyperlinkstrukturen (Bagok, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16735364).

 


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