Als sich der Kraken Verlag begegnete
Tentakeln für den Kraken Verlag...

Als sich der Kraken Verlag begegnete

Eine Geschichte verschlungener Tentakel in der Zeit

 

Everybody ought to have a coauthor.
(Dossie Easton & Janet W. Hardy)

Leipzig, 2021:

Kennst du diese Kindergärten, wo die Kinder morgens in eine regenbogenfarbene wollig-weiche Wolke der Geborgenheit fallen und nachmittags aus eben dieser Wolke nur mit viel Überzeugungsarbeit wieder herausfinden? Aber wir sind doch hier kein Kindergarten, oder? Nein, aber… es hat etwas mit Kindern zu tun… mit dem digitalen 21. Jahrhundert… und mit Zeichnungen… wie sich herausstellt.

Leipzig, 2010:

Datenkraken cc 2013 Franziska Reichert
Die Datenkraken Google und Facebook.

Alles könnte mit einem Blog über Verlage der Zukunft an der HTWK in Leipzig und den ‹Datenkraken› Google und Facebook angefangen haben. Die Verschlungenheit der Tentakel wird drei Jahre später an einem anderen Ort mit anderen Menschen verlegerisch Gestalt annehmen.

Zürich, 2013:

Verlegene Gestalten mit Kaffeebechern in den Händen studieren wir alle irgendwo zwischen der Platten- und der Rämistrasse. Wir lesen. Wir schreiben. Allein. Ohne Feedback? Warum? Statistische Erhebungen (oder einfach nur die Lebenserfahrung) besagen, dass fünfzig Prozent der mehr oder weniger introvertierten GeisteswissenschaftsstudentInnen heimlich mehr oder weniger fertige Manuskripte in der Schublade bunkern.

Leipzig, 2019:

Vom Lohnarbeitsbunker hetze ich mit offenen Schubladen im Kopf zu den Sprösslingen und dann… ja dann… stehe ich da und höre von Kind 1: «Och nööööö, jetzt noch nicht Mama!» Und Kind 2 ist so ins Spiel vertieft, dass es mich gar nicht erst bemerkt. In so einen wunderbaren Kindergarten gehen meine Kinder – der BuchKindergarten passenderweise.

Zürich, 2013:

Bücher… Bücher… Aber natürlich träumen wir davon, irgendwann unsere eigenen Texte und Bücher herauszubringen. Gleichzeitig spüren wir, dass das ein schales Geschäft ist. Alle kämpfen gegen alle um ein Quäntchen Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Eitelkeiten und Neurosen wuchern unter AutorInnen, die wie ungeduldige Kinder quengeln.

Leipzig, 2019:

Ich kann den Kindern mittlerweile ihre Zeit lassen und bei einem Plausch mit anderen Eltern oder mit ErzieherInnen Geduld üben. Manchmal nutze ich einen Synergieeffekt zwischen den spielenden Kindern und der Aufbruch vereinfacht sich dadurch, dass ich ihn mit anderen Kindern und den dazugehörigen Eltern gemeinschaftlich angehe.

Zürich, 2013:

Einander gemeinschaftlich zu lesen, wäre ein Wunsch, so richtig. Nächtelang bei Wein zu diskutieren. Und einmal… nur einmal wenigstens einfach eine Zeitschrift gründen und – im Kampf gegen die Eitelkeit – auch die Texte anderer Menschen herausbringen. Anfangen… einfach anfangen… an irgendeinem Tag.

Leipzig, 2019:

Delirium Cover Nr. 1
Cover der ersten delirium Ausgabe im Herbst 2013.

Genauso ein Tag ist der 13. Mai. Nach einiger Aufenthaltszeit – allerdings ohne netten Plausch mit anderen Eltern – kann ich meine Kinder nur zu einem Aufbruch motivieren, weil wir ihn mit einem anderen Kind und seinem Vater gemeinsam angehen. Ich mache das Tor des Kindergartens auf und die Kinder stürzen los, die Straße hinunter und sind glücklich mit sich selbst. Wie praktisch: Wir haben offensichtlich den gleichen Heimweg!

Zürich, 2013:

Wir wollen weg. Wir wollen weit weg von Berlin raus aus der Einsamkeit des Schreibens. Seither gibt es delirium.

Leipzig, 2019:

Im Erschöpfungsdelirium eines anstrengenden Tags trotte ich neben dem Vater des Kindes her. Er ist einen Kopf größer als ich und spricht in einem Schweizer Akzent. Ich tue mich zu Beginn des Gesprächs schwer, ihn zu verstehen. Wir tauschen Floskeln aus, wie sie Eltern beim ersten gemeinsamen Heimweg eben austauschen. Irgendwann fragt er mich, was ich denn beruflich mache. Und ich antworte emotionslos: «Bücher».

Zürich, 2013:

Bücher… Literaturzeitschriften… Neu anfangen wollen wir. Nichts Geringeres als die Literatur gegen Literatur verteidigen. Noch einmal wollen wir im digitalen 21. Jahrhundert der Filterblasen, gesegnet mit ein wenig Nostalgie, die öffentliche Diskussion mittels Feedbackschleifen anfachen. Wir wollen wie verschlungene Tentakel mit einer Art kollektiven Schreibens die Literaturproduktion links-progressiv begreifen:

Bezüge in Deilirium
Aus delirium N°11, Herbst 2019.

Leipzig, 2019:

Von links unten schaue ich den Vater aus den Augenwinkeln heraus an und bemerke, wie er Haltung annimmt. «Ich auch», sagt er und fragt nach: «Wie meinst du das: du machst Bücher» – «Na ja, ich bin Verlagsherstellerin», sage ich. Und da ich mittlerweile weiß, dass die meisten Menschen mit diesem Berufsbild nichts verbinden können, hole ich aus: «Ich habe das studiert. Ich bin die Schnittstelle zwischen AutorIn, Satz, Lektorat, Verlag, Druckerei, Buchbinderei, Marketing… ach, eigentlich zwischen allen, die irgendwie am Büchermachen beteiligt sind. Ich sehe zu, dass am Ende ein Buch im Laden steht, womit möglichst alle Beteiligten zufrieden sind.»

Zürich, 2014:

Wir wollen möglichst alle dabei haben. Wir erfinden Kooperationen mit anderen Zeitschriften und Literaturgruppen in Zürich: dieperspektive, TaDa, Konverter, LitUp… Wir lernen gemeinschaftlich zu arbeiten. Und wir schleichen uns mit der offenen Bühne «treppentexte» dem hintersten und letzten Klischee folgend in dunkle Keller, um Texte zu raunen oder zu brüllen… und um sowas wie AutorInnen zu sein.

Leipzig, 2019:

«Ach, du bist also sowas wie ein Autor?», füge ich lapidar an. «Wie, sowas wie?!» Der Vater macht sich noch etwas größer, als er ohnehin schon ist, und sagt dezent empört: «Ich würde geradezu sagen, ich bin Autor!» Ich sehe ihn an, bemerke die Ernsthaftigkeit in seinem Blick und beschließe, ihn besser auch ernst zu nehmen.

Zürich, 2015:

Mit Ernst sind wir bei der Sache… und auch wenn wir wissen, es könnte an einem anderen Tag mit anderen Menschen gewesen sein, wissen wir auch, dass in einer Redaktionssitzung das Wort Verlag gefallen ist. Und wir wissen, dass es von da an immer wieder unverhofft fällt: an Strassenecken, in Kneipen… Immer dann, wenn wir gerade von etwas ganz anderem erzählen.

Leipzig, 2019:

Der Vater erzählt mir, dass das Manuskript seines ersten Gedichtbands fertig sei. Dazu gäbe es auch einen Verleger in Zürich, der den Gedichtband verlegen würde. Das Format müsse so sein, weil nur so das Layout funktioniere, auch wenn der Verleger Zweifel hege. Überdies fehlen gerade Herstellungskapazitäten im Verlag.

Zürich, 2017:

Wir reden von einem Verlag… in immer neuen Konstellationen und Zusammenhängen reden wir von einem delirium-Verlag. Das wäre etwas… das wäre wirklich etwas… Aber wie könnte ein delirium-Verlag aussehen? Ich tue mich schwer, bin nicht sicher. Übernehmen wir uns mit einem Verlag?

Eine humorvolle Verbindung eines Kraken mit dem Schreiben.

Leipzig, 2019:

Ein Gedichtband? In A4?! Das weckt meine Neugier und weil mir der Vater sympathisch ist, sage ich ihm, dass er mir das Manuskript gerne einmal schicken könne und ich würde schauen, was ich machen könne… Mit der richtigen Schrift liesse sich bestimmt etwas machen und einen Gedichtband zu setzen wäre neben meiner alltäglichen Arbeit mit Fachliteratur schon eine reizvolle Abwechslung und warum überhaupt A4?! Ich gab ihm meine virtuelle Adresse.

Zürich, 2018:

Von einem virtuellen Prinzip (Bezüge zwischen den Texten wie Hyperlinks) geprägt (wir bemerkten das bei der Gründung der analogen Zeitschrift mit halbjährlichem Printerscheinen nicht) wandert delirium mit dem grössten Teil seiner Aktivität endlich in den virtuellen Raum, ohne dass das Aushängeschild – die gedruckte Zeitschrift selbst – verloren geht.

Leipzig, 2019:

Am Abend geht eine E-Mail mit Fabians Manuskript ein. Und ich bin erstaunt. Kein gängiges Versmaß…. Nur ein merkwürdig fünfzeiliges Ding auf jeder Seite… Nichts reimt sich… Wie passen diese Wortfetzen zusammen, und die Seiten? Ich möchte die Herstellung von Fabians nicht ganz hundert fünfzeiler übernehmen, die wie durch Zufall auf meinem Bildschirm gelandet sind.

Leipzig, 2018:

Der Zufall hat mich nach Leipzig verschlagen. Glücklicherweise wähne ich mich immer noch an der Peripherie. Herausgerissen aus meinem Biotop delirium suche ich seither nach einer Zusammenarbeit zwischen Zürich und Leipzig.

Leipzig, 2019:

Von da an arbeiten wir regelmäßig zusammen. Fabian erklärt mir am Küchentisch das spezielle Layout und das Konzept der fünfzeiler. Ich gebe Fabian verschiedene Papiere in die Hände, zeige ihm verschiedene Schriften, bastle am Layout, brüte mit ihm über dem Cover und tue all die Dinge, die ich sonst als Herstellerin isoliert tue, gemeinsam mit dem Autor. Wir essen zusammen, trinken Kaffee, spazieren. Mir gefällt diese wertschätzende und gemeinschaftliche Arbeit sehr. Das Büchermachen bekommt im engen persönlichen Kontakt eine völlig neue Bedeutung.

Leipzig, 2018:

Wie eine neue Aufgabe mit Bedeutung finden…? Aus dieperspektive ist längst das angesagte Stadtmagazin tsri.ch geworden. TaDa macht eigene Theaterstücke. LitUp  ist ein richtiger Verein geworden. Unverändert beharrlich ist nur der Konverter. Ein Verlag müsste her…

Leipzig, 2019:

Der Verlag, oder eigentlich Thomas Howeg, lässt uns bei der Gestaltung freie Hand. Wir haben keinen Zeitdruck und durch ihn zudem noch einen sehr kompetenten Kontakt bei der bookstation in München bekommen. Anwar Ziesel kümmert sich um den Druck des Gedichtbands. Wie gut wir miteinander arbeiten können, merken wir in diesen Wochen.

Leipzig, 2019:

Wochen sind vergangen, Monate und sogar Jahre seit ich in Leipzig bin. Unter meinen Fingernägeln brennts wie Zürich in den Achtzigern. Die Zeit ist überreif für den nächsten Schritt. Die Dissertation ist verteidigt… das erste Buch erschienen… ich bin durch mit allem. Und jetzt?

Leipzig, 2019:

War es am Küchentisch? – Einen Verlag… sagst du… sage ich? Schon seit Jahren, weisst du? Mit meiner delirium-Vergangenheit… nicht irgendein Verlag… du setzt fünfzeiler, ich schreibe das erste Verlagskonzept: delirium-Verlag… aber dann müssen wir gemeinsam, oder? Ich will nach Zürich, sagst du. Geht das? Wir probieren aus. Reden mit Leuten in Zürich, in Leipzig. Wir lassen den Namen delirium wieder los… und reden von einem Kraken.

Leipzig, 2021:

Die Tentakel haben sich gefunden. Wir haben einen Kraken. Nach einem Jahr stop-and-go geht die Webseite eines entstehenden Verlags, der dem digitalen 21. Jahrhundert gerecht werden möchte, online.


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